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Achmed Omara Ali – Der Prinz vom Nil

Buch 8 x 11 cm, 84 Seiten, 9 Abbildungen, 12,50 EURO | Bestellinfo Buch

Die Erzählung beschreibt neben der Auseinandersetzung mit den Werten des Lebens, so wie sie sich ihm darstellen, auch den Eindruck, den Achmed von Touristen hat. Er beobachtet und lernt, zieht daraus Schlüsse, die ihn ruhig und zufrieden machen. Am Ende ist er reicher, als die, die auf den ersten Blick reich erscheinen. So wird aus ihm ein wirklicher Prinz. Eine gute Lektüre für Nil-Erstreisende, aber nicht nur ein Buch für Ägyptenfreunde.

AUS DEM INHALT:

Ich habe drei Reisen in dieses Land gebraucht, um mich nicht mehr belästigt zu fühlen von den Ägyptern, die als Souvenirhändler und Anbieter von Dienstleistungen auf den Touristen oft beängstigend wirken. Aber, das ist mir schon bei der ersten Reise klar geworden, die Ägypter, denen der Tourist an den Kulturstätten und im Umkreis der Hotels begegnet, sind nicht die Ägypter.

Ägypten ist nicht nur ein Land mit faszinierenden Zeugnissen einer uralten Hochkultur, Ägypten hat wie alle nordafrikanischen Länder auch hinsichtlich seiner Menschen viel zu bieten. Aber um wirklichen Ägyptern zu begegnen muss man sich etwas fortbewegen von den Kulturstätten, nicht weit, oft nur ein paar hundert Meter. Der Reisende wird, wenn er sich für den Lebensraum der Ägypter von heute interessiert, Bilder und Lebensweisen vorfinden, wie sie im ältesten Buch der Welt beschrieben sind. Gerade die traditionellen Wurzeln sind es die in diesem Land etwa 80 Millionen Menschen davon leben lassen was das Wasser des Nils ermöglicht. Es sind nicht die Fotomotive die den Wert einer Ägyptenreise ausmachen, sondern die Bilder und Eindrücke die man in sich selbst aufnimmt. Daraus können sich Erkenntnisse entwickeln, die das eigene Leben positiv beeinflussen. (...)

Es ist für jedes Kind in Ägypten von entscheidender Bedeutung, ob die Eltern arm sind oder ob sie ihm eine Schulausbildung finanzieren können. Achmeds Familie kann das nicht. So muss er schon früh mit aufs Feld hinaus, wie beinahe alle Kinder in seinem Dorf. Dort merkt er bald was es heißt ein Mann zu sein. Doch Achmed lernt schnell. Er ist fleißig und ehrgeizig. Gerade acht Jahre alt kennt er sich auch schon gut aus in seiner Dorfgemeinschaft und in der von zwei Nachbardörfern. Er kennt die Hierarchien, hat sich an ihnen gemessen, dabei seine eigene Bedeutung und Wertigkeit erfahren. Er weiß aber auch was man tun muss um weiterzukommen. Er hat schon viel vom Leben gelernt. Das Leben ist seine Schule. Er ist der Herr auf seiner Ebene. Immer öfter überschreitet er die Grenzen seiner Machtebene, bevor er sich traut den Kopf hinauszustrecken aus der dörflichen Rangordnung, die ihm arge Fesseln anlegt, die ihm zu klein und unbedeutend erscheint.

In der Familie ist er mit seinen mittlerweile zwölf Jahren schon erwachsen, schon als Mann integriert. Er weiß aber seit langem da gibt es noch etwas anderes, eine andere Welt, noch undurchschaubar für ihn, noch grau im Nebel, etwas beängstigend, die Welt außerhalb der Dorfgemeinschaft, außerhalb des ländlichen Lebensraums, die Welt der Asphaltstraßen, der Autos, Motorräder, der Lichter, der großen Häuser, der Fremden, die so ganz anders aussehen und reden, Menschen, die immer eine Fotokamera umhängen haben, hindurchschauen, irgendwo draufdrücken und dann stolz und zufrieden lächeln.

Die Welt außerhalb seines Dorfs zieht ihn an. Er lernt Autofahren mit einem Nachbau aus Bambusrohr und Draht. Wichtig ist das Lenkrad, das gibt die Richtung vor. Daran muss man drehen. Auf einem Fahrrad hat er schon Versuche und Fortschritte machen können. Auf einem Motorrad ist er mitgefahren. Das war sein bisher größtes Erlebnis. Fest angeklammert hat er sich an den älteren, der es besaß, der in der Stadt Luxor sein Geld verdient und schon ganz schön reich geworden ist.

Nun hält er sich immer öfter dort auf wo die verkehren die in der Stadt arbeiten, die mit den Autos und Motorrädern fahren, an der großen Straßenkreuzung, am Bewässerungskanal. Er hört zu. Er lernt. Immer öfter kommt er erst im Dunkeln zur Familie zurück. Alle schimpfen mit ihm, besonders die Mutter. Seltsam, der Vater schweigt. Er geht ihm sogar ein wenig aus dem Weg. (...)

Er geht jetzt regelmäßig dorthin wo in einem fort Geldscheine den Besitzer wechseln, wo die Männer beisammensitzen und erzählen, Tee trinken, Wasserpfeife rauchen, zu Gruppen laut gestikulierend sich mit traditionellen Brettspielen die Zeit vertreiben. Wo das Geld herkommt, wer es als Wertobjekt erfunden hat, wer es herstellt, das weiß er nicht. Das liegt immer noch im grauen Nebel seines Erfolgswegs. Aber er hat schon viel erreicht. Er wird akzeptiert, hier, wo das wirkliche Leben abläuft, hier, wo jeder Schuhe trägt und jeder immer Zigaretten hat. Hier, wo Autos und Motorräder selbstverständlich sind. Man kann sogar mitfahren, wenn man Geld hat. Und er hat Geld. Er verdient ja schon. (...)

Er glaubt nun, dass es die Fremden sein müssen, die das Geld machen, die mit den Kameras. Sie haben davon soviel in ihren Taschen und verteilen es großzügig überall. Sie bezahlen sogar das Doppelte für alles und lächeln noch dabei. Den Wert der Geldscheine kennt er schon genau. Immer wieder tauscht er zehn schmutzige kleine gegen einen großen um. Die großen hat er eng zusammengerollt in seiner Hosentasche, fest verschlossen mit einem Gummiband. Seine Hosentasche ist sein Geheimfach geworden. Nur er weiß welche Schätze darin sind. (...)

Aber es gibt noch soviel was man besitzen kann, wenn man sehr fleißig ist. Er hat alles was das Leben schön macht schon gesehen. Er war sogar schon einmal auf der anderen Nilseite, in der Stadt Luxor. Er war auch in den Souks. Doch das Geschrei, die Enge, die hastenden Menschen haben ihm Angst gemacht. Er hat viele wundeschöne Sachen gesehen, die er kaufen kann, für die Papierscheine, die er in seinem Geheimfach hat. Ihm ist aber auch klar geworden wie viele Papierscheine gebraucht werden um all das kaufen zu können, was sein Herz begehrt. (...)

Etwas still und verwirrt ist er mit der großen Fähre wieder hinübergefahren zu dem Nilufer wo er geboren ist, in die Welt die er besser kennt, die er mit seinen vierzehn Jahren überschauen kann. Nun weiß er aber es gibt viele Welten, beängstigend viele. Dort drüben, am anderen Nilufer, hinter der Stadt, da landen ja auch die großen Flugzeuge. Wo kommen die bloß her und wer hat die gemacht? Wieso können die überhaupt fliegen? Dass damit die Fremden kommen das weiß er. Mister heißen sie und Madam. Bonbons und Bakschisch verteilen sie, wenn sie gut gelaunt sind.

Ihn zieht es nun dorthin, wo diese Menschen ankommen, mit der Nilfähre. Aber hier ist die Hölle los. Eine unübersichtliche, sehr beängstigende Welt für Achmed. Weggescheucht wird er von anderen Jungen, überall. Dabei sind die nicht älter als er. Doch Achmed hat kämpfen gelernt. Er spürt hier geht es um mehr als um Bonbons und Bakschisch. So schnell gibt er nicht auf. Was die anderen können kann er auch. Er versucht sich nützlich zu machen. Doch alles ist so neu, so anders. Er fühlt, dass das, was er bisher gelernt hat, ihm hier nicht hilft. So schaut er nur zu.

Er sitzt auf einem kleinen Erdhügel neben der Anlegestelle der großen Fahrzeugfähre. Hier lässt man ihn in Ruhe. Auf der anderen Nilseite, links und rechts vom großen Tempel, funkeln die Fassaden der Hotels, in denen die Fremden wohnen. Das Geklapper der bunt herausgeputzten, goldverzierten Pferdedroschken, das unendliche Gehupe der Taxis und das Gebrumme der großen weißen Schiffe, die drüben in Reihen am Ufer liegen, dringen zu ihm herüber.  

Große blaue Autobusse kommen mit der Fähre an dieses Ufer. Wohin fahren sie? Er sieht die Fremden durch die Fenster. Er beobachtet sie neugierig. Einige wenige lächeln ihn an und winken. Er lächelt verlegen zurück. Er hört aber auch die harten Worte der Taxifahrer, wie sie streiten, wenn es um Fahrgäste geht. Er sieht auch die vielen bepackten Gestalten, Männer und Frauen mit großen Kisten aus Bambusrohr und Bündeln, Alte, Kranke... All das gibt ihm Rätsel auf.

Aber hier an der Anlegestelle der Fähre gibt es auch einige denen es besser geht als den meisten. Es sind die Händler mit den Karren und Klappläden. Sie bieten Erfrischungen an, kleine Speisen, Obst, aber auch Zigaretten, Zeitungen, Sonnenbrillen, Uhren, Kämme, Sandalen, Hüte und vieles mehr. Die haben es geschafft. Sie sind wohl schon sehr reich. Sie sitzen nur da und warten bis jemand kommt und etwas kauft.

Es gibt auch Fremde, die alleine oder in Gruppen ohne Auto hier herüberkommen. Er hört von seinen Landsleuten Begriffe wie english, german, french... Er hört, wie seine Landsleute in anderen Sprachen mit ihnen sprechen. Er fühlt sich plötzlich ganz klein und dumm. Wieso können die Dinge die er nicht kann? Achmed sitzt da, merkt nicht wie es dunkel wird. Immer mehr Frauen und Männer kommen vom anderen Nilufer herüber. Sie hasten, eilen, als wenn sie an einem Wettlauf teilnähmen. Junge Burschen springen schon an Land, wenn die Fähre noch ein großes Stück davon entfernt ist. Andere springen schon hinauf.

Immer, wenn die Fähre angelegt hat, ertönt ein großes Geschrei. Taxifahrer und Händler bieten ihre Dienste und Waren an. Junge Männer springen in Sammeltaxis, hinten in den offenen Aufbau, manchmal noch während der Fahrt. Geldscheine wechseln schnell hin und her. Achmed brummt der Kopf. Er fühlt sich überflüssig in dieser Welt, nicht dazu gehörend, dabei ist er nur eine Stunde Fußweg entfernt vom Lebensraum den er gut kennt. (...)

Er sitzt noch lange auf dem Bahndamm, der am Zuckerrohrfeld vor dem Haus seiner Familie entlangführt und schaut zum Sternenhimmel empor. Ihm wird von Tag zu Tag deutlicher wie groß die Welt ist und wie klein der Lebensraum den er in seinen Strukturen erkennt. Ob die Fremden mit den Flugzeugen von diesen Sternen da oben kommen? Vielleicht wird auf jedem dieser vielen Sterne eine andere Sprache gesprochen. Vielleicht hat aber auch jeder dieser Sterne einen eigenen Nil und eigene Zuckerrohrfelder. (...)

Der Nil ist die Lebensader Ägyptens, diesen Spruch hat er oft gehört. Wieso soll er nicht auch für ihn, den fleißigen Achmed, die Lebensader sein? Er ist gesund. Er fühlt sich jung und stark. Er beschließt am Nil sein Glück zu suchen.

Die Sonne geht auf über dem Häusermeer von Luxor. Achmed sitzt kauend auf dem kleinen Hügel an der Anlegestelle der Fähre, ein Platz den ihm gestern niemand streitig gemacht hat. Schon lange vor Sonnenaufgang hat er das Erwachen der Stadt gehört und den Muezzin. Er ist nicht allein am Fährhafen. Einige die hier ihr Geld verdienen haben auch hier geschlafen, in Decken eingehüllt oder unter Kartons vergraben. Die beiden Fähren liegen noch ruhig da, jede an einem Ufer. Wie spät es ist weiß Achmed nicht. Er hat keine Uhr, kann auch keine lesen. Die Stunden des Tages waren in ihrer genauen Einteilung nie von Bedeutung für ihn.

Zwei große Schiffe lösen sich am jenseitigen Ufer aus der Gemeinschaft der anderen. Sie drehen auf dem Strom und fahren an ihm vorbei in Richtung Assuan. Von Assuan im Süden des Landes hat Achmed schon gehört, durch den großen Staudamm der dort gebaut wurde, der seitdem dafür sorgt, dass für die Felder rechts und links des großen Stroms immer genügend Wasser vorhanden ist.

Achmed empfindet die hell beleuchteten weißen Luxus-Hotelschiffe wie schwimmende Trauminseln. So stellt er sich das Paradies vor. Seine Augen begleiten die beiden Schiffe. Visionen sind in seinem Kopf. Er stellt sich vor wie die schwimmenden Inseln innen aussehen. Es erscheint ihm, dem Fellachenjungen von der Westbank in Luxor, als allerhöchstes Lebensziel Steuermann eines solchen großen Schiffes zu sein.

Und er spürt plötzlich wie sich etwas in ihm verändert, wie sein Ehrgeiz aufflammt, das, was ihn bisher ausmachte. So beschließt er nun, während das Leben auf beiden Seiten des Nils erwacht, sich nicht einschüchtern zu lassen von Dingen die er nicht versteht. Er wird sie verstehen lernen. Schließlich hat er bisher erreicht was er erreichen wollte. Noch den ganzen Vormittag über sitzt er fast reglos da und studiert. Was um ihn herum abläuft ist seine Schule, er selbst sein Lehrmeister. Am Nachmittag ist er kaum mehr zu halten. Er möchte etwas tun. Doch alle Dienste sind vergeben. Nirgends sieht er einen Ansatzpunkt für sich selbst. Er steht ziemlich ratlos am Ufer, unmittelbar neben der Anlegestelle.

Am späten Nachmittag kommen die Schüler aus der Stadt. Sie machen wieder ihre Mutproben, springen schon von größerer Entfernung an Land und manchmal sogar wieder aufs Boot. Nun ist Achmed nicht mehr zu halten. Das kann er auch. Er springt. Mit Erfolg. Immer wieder. Immer mutiger. Am Abend ist keiner mehr besser als er. Nur der Fährmann kann seinen Künsten nicht die ihnen gebührende Anerkennung abgewinnen. Er schimpft und versucht Achmed festzuhalten. Aber Achmed ist schneller oder mischt sich geschickt unter die Menschenmenge an Bord. Später lernt er dann zu springen wenn der Fährmann beschäftigt, ist in seinem Steuerhaus. Die anderen Jungs lernen Achmed nun kennen. Achmed spürt Wohlwollen und auch etwas Anerkennung in den Blicken, obwohl die meisten Schuhe tragen und er nicht.

In dieser Nacht schläft Achmed sehr gut. Es hat sich viel verändert. Achmed ist ein anderer geworden. Er glaubt seine Eltern und seine Geschwister müssten das merken, sie müssten ihm ansehen zu welch großen Leistungen er fähig ist und dass er noch viel erreichen wird, Dinge an die seine Familienmitglieder noch nicht einmal denken, weil sie sie gar nicht kennen. (...)

Es gibt so viel zu tun. Die Tage, Wochen und Monate vergehen wie im Flug. Von den Touristen lernt er während der Überfahrt einige Worte in deren Sprache. Er lernt englisch, deutsch, französisch, italienisch und japanisch zu unterscheiden. Er hört nur einige Sätze und weiß woher die Fremden kommen. Wo diese Länder liegen, dass weiß er aber immer noch nicht.

Abends, beim Nachhausegehen, stellt er sich den großen Stern über ihm als England vor, den daneben als Italien und den ganz großen hellen als Deutschland. Aus Deutschland kommen besonders viele. Beinahe so viele kommen aus Japan. Aber die Japaner sind wesentlich kleiner, scheinen von einem kleineren Stern zu kommen.

Achmed ist nun bekannt in seinem Dorf als ein fleißiger junger Mann mit gutem Einkommen. Kaum sechzehn Jahre alt trägt er schon richtige Schuhe. Noch nicht einmal sein Vater oder der Bürgermeister haben Schuhe wie er. Achmed trägt aber immer noch das braune, traditionelle Gewand der Fellachen. Das möchte er nicht ändern. Er genießt es wenn man zu ihm aufblickt, in seinem Dorf. (...)

Sein Geheimfach, die Hosentasche, reicht nicht mehr aus für seinen wachsenden Schatz. Obwohl er nun oft am Fährhafen isst und mit dem Sammeltaxi nach Hause fährt hat er schon einhundertfünfundsiebzig Pfund gespart. Den größten Teil davon hat er in einer Flasche an einem geheimen Ort vergraben. Manchmal trinkt er am Abend, bevor er sich zum Schlafen legt, noch ein Bier, ein Stella, bei Mhand dem Kaufmann, illegal natürlich, in der kleinen Hütte hinter dem Hof. (...)

Die Jahre vergehen ohne besondere Ereignisse. Achmed wird bald achtzehn. Dann muss er zum Militär. Er hat darüber sehr schlechte Dinge gehört, von denen, die dabei waren. Aber er hat durch den Kontakt mit den Touristen erfahren wie wichtig Bildung ist. Beim Militär kann er eine Schule besuchen.

An einem Februarmorgen ist es dann soweit. Achmed nimmt Abschied von der Familie und vom Dorf. Schweren Herzens steigt er in den großen Militärlastwagen der die jungen Männer der Gegend abholt. Er ist sehr traurig, besonders weil er seit ein paar Wochen Fatima aus dem Nachbardorf gern sieht. Sie ist so wie er sich seine Frau vorstellt, aber leider sehr scheu. (...)

Mit den Gedanken an seine Karriere als Steuermann, er, Achmed, in weißer Uniform hinter einem riesigen Steuerrad, viel größer als das auf der Fähre, tröstet er sich auf der Fahrt zur Kaserne in Quena, einer Stadt auf der rechten Nilseite, nördlich von Luxor. (...)

Nach einem Jahr militärischer Ausbildung kommt Achmed nach Kairo. Dort besucht er die Militärschule. Er wollte nicht nach Kairo. Von den Bewohnern der riesigen Stadt hat er nichts Gutes gehört. So weit weg von zu Hause scheint ihm nun zerstört was ihn mit den Wurzeln seiner Kindheit und mit dem ihm vertrauten Lebensraum verband. (...)

Im August des folgenden Jahres ist es dann soweit. Achmed wird vom Militär entlassen. Er ist zweiundzwanzig Jahre alt. Mit dem Zug fährt er bis Luxor. Mit leuchtenden Augen steigt er aus. Sein Herz klopft bis zum Hals. Den Bahnhof von Luxor hat er noch nie gesehen.

Achmed sieht anders aus als vor dreieinhalb Jahren. Nicht mehr wie ein Fellachenjunge. Schwere ausgediente hohe Militärschuhe an den Füßen, eine abgetragene graue Militärhose mit breitem Gürtel, ein buntes Hemd, eine Militärkappe mit Schirm auf dem Kopf, ein Bündel auf dem Rücken, mit dem wenigen was er besitzt, so stapft er durch die Straßen von Luxor. Das bunte Hemd ist sein ganzer Stolz. Master of study steht in großen blauen Buchstaben auf seinem Rücken.

Er kann es kaum erwarten, die Fähre, den Fährmann und sein Nilufer wiederzusehen. Mehr als zwei Jahre war er nicht mehr zu Hause. Ein Brief hat ihn in Assuan erreicht. Der Vater ist gestorben. Er hat lange an seiner Krankheit gelitten. Der Bruder ist in der Ausbildung, bei der Touristenpolizei. Zwei weitere Schwestern sind verheiratet und erwarten Kinder.

Es ist Nachmittag, die Straßen von Luxor sind erfüllt vom geschäftigen Treiben der Händler. Autos, Eselskarren, Kutschen, Mopeds, Fahrräder, viele hastende und lärmende Menschen bestimmen das Straßenbild. Verlockende Gerüche dringen aus dem Souk. Der Muezzin ruft zum Gebet. Achmed sieht auch Touristen, etwas verloren und scheu wirken sie, junge Frauen in kurzen Röcken oder Shorts, mit Schmuck behangene grell geschminkte ältere Frauen, Männer mit großen Schirmmützen und großen Kameras.

Alte fensterlose Busse drängen sich schwankend durch das Verkehrsgewühl und große blaue vollbesetzte Touristenbusse. Niemand beachtet Achmed. Er spürt, er ist wieder ganz am Anfang, obwohl er nur wenige Kilometer von hier entfernt geboren ist. Alles wirkt fremd um ihn herum. Alles ängstigt ihn. Einzig vertraut erscheint ihm nun der Luxortempel, der imposante Säulensaal, der hohe Pylon mit den riesigen den Pharao darstellenden Wächterfiguren im Eingangsbereich.

In strahlendem Himmelblau schimmert die von weißen Felukensegeln durchbrochene Wasserfläche. Mit Tränen in den Augen hat er den breiten Strom verlassen, vor dreieinhalb Jahren. Mit Tränen in den Augen geht er nun auf seine Lebensader zu. Den Lärm der hektischen Touristenstadt nimmt er nicht mehr war. Er achtet nicht auf die schimpfenden Fahrer der Autos und Motorräder, die ihm ausweichen oder vor ihm bremsen müssen. Er sieht nur seinen Nil und auf der anderen Seite seinen Lebensraum, seine Wurzeln, sein Zuhause. Das Wüstengebirge hinter dem fruchtbaren grünen Bereich, in dem auch sein Dorf liegt, schimmert rotbraun, flimmert verschwommen zum Horizont ausfließend im Dunst des heißen Tages.

Er achtet nur auf die ihm vertrauten Geräusche, die vom anderen Ufer sanft herüber wehen. Dort liegen die beiden Fähren, rechts die für Personen, links die größere für Fahrzeuge, die er gut kennt. Achmed ist wie betäubt. Er steht reglos da. Er kann es kaum fassen. Er hat es geschafft. Er ist zurückgekehrt zu dem, was ihm so viel bedeutet.

Er geht zur Anlegestelle. Dort stehen schon viele Männer, sitzen schon viele Frauen mit Kindern und großen Bündeln. Für Achmed ein lieb gewonnenes, wohltuendes Bild. Neugierige Augen treffen ihn. Die Frauen tuscheln, junge Mädchen in farbenfrohen Kleidern schauen scheu mit großen Augen, senken schnell den Blick. Sie kichern miteinander.

Jetzt erst, wo die Schiffssirene die Ankunft ankündigt, registriert er, dass die Fähre schon mitten auf dem Fluss ist. Von Bord dringen heitere Geräusche herüber. Jugendliche musizieren, singen, tanzen. Der sich dem Ufer zuneigende breite Ausleger der Fähre kann die Ankommenden kaum fassen. Die Achmed umgebenden Schar der Wartenden macht nur widerwillig Platz.

Wie damals springen junge Burschen schon vor dem Anlegen herunter. Alles schiebt. Alles drängt. Kinder weinen, Frauen hüllen ängstlich Babys in Decken und drücken sie fest an sich. Alte haben Probleme, den Höhenunterschied vom Landeblech der Fähre zum Ponton zu überwinden. Eine Frau fällt hin. Achmed hilft ihr auf und begleitet sie ein Stück durch die Menge, zu den Stufen am Ufer.

Die Wartenden drängen hinein, während die Ankommenden noch Probleme haben an Land zu kommen. Motorräder werden gestartet. Junge Männer fahren rücksichtslos durch die Menge. Fahrräder, Kisten, allerlei Gegenstände und Kinder werden an Bord getragten. Ein hagerer Mann schleppt ein riesiges mit Sand und Staub überzogenes Fernsehgerät auf dem Rücken. Achmed hilft ihm beim Einsteigen und beim Absetzen des Gerätes.

Nun spürt er es deutlich. Es hat ihn wieder wie ein Blitz durchzuckt. Am Ufer noch fühlte er sich verloren und fremd. Doch nun, umgeben von vertrauten Bildern und Geräuschen, mitten auf dem Fluss, vom feinen Vibrieren des stählernen Schiffskörpers durchwoben, dem hart pochenden Motorgeräusch aus dem Bauch des alten Fährbootes ausgeliefert, weiß er wo er hingehört. (...)

Eine ganz junge Frau herzt mit ihrem kleinen Söhnchen, noch ein Baby, doch so wie er einmal, der Prinz. Die Schwester, vielleicht zwei Jahre älter, schmiegt sich an die Beine der Mutter. Sie schaut mit großen ängstlichen und zugleich neugierigen Augen zu den beiden Touristen auf, die vor ihr stehen. Die junge Mutter gibt dem mittlerweile ungeduldig weinenden Jungen die Brust. Eine starke, gesunde Frauenbrust. Der Kleine saugt gierig. Man hört ihn schmatzen. Nun deckt die Mutter ihr schwarzes Gewand über das hungrige Kind.

Die Touristin lächelt gerührt. Ihr Mann zückt ein wenig verlegen die Kamera. Er schaut kurz durch und es macht klick und schnell noch einmal klick. Er wirkt stolz und erleichtert. Die junge Mutter hat es wahrgenommen. Sie gestikuliert, verlangt Bakschisch. Der Mann errötet. Seiner Frau ist das peinlich. Sie fordert ihn auf etwas zu geben. Er tastet nach seinem Portemonnaie. Mit spitzen Fingern zieht er eine Pfundnote heraus. Seine Frau reicht dem kleinen Mädchen das Geld. Die dunklen Augen leuchten aufgeregt. Kleine schlanke Finger umschließen den Geldschein wie ein Schraubstock.

Die Mutter schimpft. Sie versucht, dem Mädchen das Geld abzunehmen. Doch die kleine weigert sich. Die Mutter wendet Gewalt an, setzt das Baby vor sich auf die Erde um beide Hände freizuhaben. Sie biegt die Finger des sich immer noch wehrenden Mädchens auf. Sie schimpft, das Mädchen windet sich und weint. Der Junge weint auch und macht dabei Pipi. Ein kleiner Bach ergießt sich auf den Boden der Fähre. Die beiden Touristen weichen verlegen, jedoch auch verständnisvoll lächelnd, zurück.

Die Mutter hat den mittlerweile total zerknitterten Geldschein in der Hand. Sie gibt dem Mädchen eins hinter die Ohren. Der Junge weint lauter. Er hat Hunger. Er ballt die kleinen Fäuste. Die Mutter glättet den Geldschein sorgsam, wickelt ihn in das Ende ihres Kopftuches und schützt ihn durch einen Knoten. Ihre starken jungen Arme greifen nach dem nun wild schreienden Prinz. Sie rückt etwas zur Seite, schüttelt die Nässe von ihrem Gewand, schimpft mit dem Baby und dem Mädchen. Ein dicker Kuss auf die feuchten Augen und auf die hungrigen Lippen, schon verschwindet er, der Pascha, wieder unter ihrem Gewand. Man hört ihn wieder zufrieden schmatzen. Ruhe ist eingetreten. Auch die beiden Touristen sind erleichtert, man sieht es deutlich. (...)

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